Islam und Moderne stehen nicht im Widerspruch

06. Dezember 2012
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Im Ausland kennen ihn erst wenige, und doch ist sein Einfluss auf die Entwicklung der Türkei kaum zu überschätzen. Lange bevor Anatolien zu dem wirtschaftlichen Entwicklungsschub der vergangenen Jahre angesetzt hat und auch lange bevor die AKP Erdogans im Jahr 2002 erstmals an die Regierung gewählt worden war, hatte Gülen bereits einen Islam gepredigt und verbreitet, der den Muslimen den Anschluss an die Moderne ermöglichen sollte. Er wurde damit zum Erwecker Anatoliens und zur Stimme jener „schwarzen Türken“, also der Mehrheit der anatolischen Muslime, auf die die urbane Elite des Landes, die „weißen Türken“, lange meist nur mitleidig herabgeblickt hatte. Unter dem Eindruck der Lehren Gülens, der aus der Toleranz des gemäßigten Sufi-Islams schöpft, ist in Anatolien in den vergangenen Jahrzehnten aber eine dynamische Mittelschicht entstanden.

Die Anatolier waren ungebildet und provinziell, arm und fromm. Motiviert durch Gülens Lehren strebten sie nun nach Bildung und wurden wohlhabend, sie blieben aber weiter fromm. Gülen brachte ihnen die Bedeutung von Bildung und unternehmerischem Erfolg nahe, die Vereinbarkeit von Islam, Moderne und Demokratie, aber auch die Unvereinbarkeit von Islam und Gewalt. Er rief seine Anhänger auf, mit eigener Hände Arbeit Wohlstand zu schaffen und nicht zu vergessen, diesen auch unter Bedürftigen verteilen. In seinen Predigten verbindet er in langen Sätzen Suren aus dem Koran, Aussprüche des Propheten und die Erfahrungen der Mystiker mit den Erfordernissen der modernen Welt, er führt die Welt die Glaubens und der Lebenswirklichkeit zusammen.

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